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Menschen mit Behinderung: Herausforderung Inklusion in Krisenzeiten

Isolation, Arbeitsplatzverlust, Angst um die eigene Gesundheit – Themen, die Menschen mit Behinderungen genauso betreffen wie Menschen ohne körperliche oder geistige Einschränkungen. Doch in der Krise sind viele Menschen mit Behinderungen oft noch weniger sichtbar als sonst – und fühlen sich auch weniger gehört und eingebunden.
Mit der Coronavirus-Pandemie hat sich für viele Menschen mit Behinderung das Leben ebenfalls schlagartig verändert. Besuchsverbote in Wohneinrichtungen, Schließungen bzw. Notbetrieb von Werkstätten, Kurzarbeit für Betreuer und die Angst vor einer Ansteckung dominieren das Leben der Betroffenen und ihrer Familien.
Mit Behinderung durch die Krise ORF
Rund 1,4 Millionen Menschen in Österreich leben laut Behindertenrat mit einer nicht vorübergehenden körperlichen, geistigen oder psychischen Funktionsbeeinträchtigung oder Beeinträchtigung der Sinne, chronische Krankheiten mit eingerechnet. Viele Betroffene sind Risikopatienten, müssen also besonders vor einer Infektion geschützt. Entsprechend hoch sind die Schutzmaßnahmen wie eben Besuchsverbote am Wohnort oder Schließungen von Werkstätten.
Manche Menschen mit Behinderung wohnen seit acht Wochen bei ihren Eltern, obwohl sie normalerweise in einer Wohngemeinschaft leben, sagt Susanne Jaquemar, Leiterin der Bewohnervertretung beim Verein Vertretungsnetz. Grund seien die nach wie vor harten Quarantäne-Bestimmungen einzelner Einrichtungen. Wer zurück kommt, braucht einen negativen Coronavirus-Test.

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Doch das habe auch negative Auswirkungen auf die Betroffenen, erzählt Albert Brandstätter, Generalsekretär der Lebenshilfe Österreich: Viele Menschen seien seit Inkrafttreten der Ausgangsbeschränkungen Mitte März komplett isoliert, weil ihre Familien sie nicht besuchen können und sie wegen der Infektionsgefahr auch nicht rausgehen könnten. Auch Therapien oder sonstige Beschäftigung sind nur eingeschränkt bis gar nicht möglich, einige Betreuer sind in Kurzarbeit.
 

Quarantäne nicht immer möglich

Sofern möglich haben viele Familien ihre Angehörigen mit Behinderungen aus den Wohngemeinschaften rausgenommen. Doch viele Familien sind mittlerweile am Rande ihrer Kapazitäten angekommen. Entsprechend öffnen manche Werkstätten wieder, um diese Familien zu entlasten. Mit der anstehenden breiteren Öffnung steigt aber im Gegenzug die Gefahr für die Betroffenen wieder.
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Das Problem: Wer zu Hause bzw. außerhalb der Wohnstätten war, ist potenziell selbst Virusträger und muss in Quarantäne – je nach Bundesland zwischen fünf und sieben Tage, mitunter länger. Das ist nicht allen Menschen mit Behinderung zumutbar – entsprechend könnten Menschen, die die Krise bisher komplett in einer Wohneinrichtung ohne Kontakt zur Familie verbracht haben, noch länger abgeschottet bleiben. Je nach Bundesland gibt es aber unterschiedliche Regelungen.
Soziale Isolation ORF
Soziale Isolation
Auf Dauer sei eine Isolation von Menschen mit Behinderungen gleichheitswidrig, so Brandstätter, es sei im Grunde aber ein echtes Dilemma: „Wir müssen abwägen zwischen persönlichem Schutz und Freiheit.“ Dabei gehe es nicht nur um die Klientinnen und Klienten, sondern auch um die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen und die gesamte Gesellschaft. Die Herausforderung heiße aktuell Inklusion trotz Bedrohung.
 

Masken für Kommunikation hinderlich

Der Schutz in den Einrichtungen selbst ist auch nicht einfach: Masken sind ein schwieriges Thema, weil Mimik ein wichtiges Kommunikationsmittel bei Menschen mit Behinderungen ist und die Masken selbst auch Angst auslösen können. Lippenlesen ist für Menschen mit Hörschäden ebenfalls nicht möglich. Gerade Menschen mit kognitiven Beeinträchtigen verweigern zudem schlicht, selbst eine Maske zu tragen.
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Schwierig ist auch die Einhaltung der Abstandsregeln, einerseits bei der Körperpflege, andererseits bei der Kommunikation gerade mit Menschen, die nur über Berührungen erreichbar sind. Die Behindertenorganisationen beklagen auch einen Mangel an weiteren Schutzmaßnahmen wie Desinfektionsmittel und Handschuhen, was Berührungen noch einmal schwieriger macht.
 

Umstellung bei persönlicher Assistenz

Die persönliche Assistenz, Basis für ein selbstbestimmtes Leben zu Hause und im Beruf, muss gleichfalls oft umorganisiert werden. Wo es persönlichen Kontakt bei der Assistenz braucht, sollen Teams etwa geteilt werden und ein Teil jeweils 14 Tage arbeiten, danach folgt ein Wechsel. Zwei Kunden pro Tag sollen von einer Assistenz nicht betreut werden, sagt Jasna Puskaric, geschäftsführende Vorstandsfrau der WAG Assistenzgenossenschaft. Auch Puskaric beklagt einen Mangel an Schutzmaterial, FFP2-Masken etwa seien nicht auftreibbar gewesen.
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Einen Schichtbetrieb gibt es auch in vielen Betreuungseinrichtungen, zudem werden sie langsam und in Stufen hochgefahren, um die Gefahren zu minimieren. Die Frage laute aber, wie lange man die vorsichtige Annäherung an die „Normalität“ durchhalte, sagt Brandstätter. „Was, wenn das ein Jahr dauert?“ – und da sei eine zweite Welle noch gar nicht mit eingerechnet.
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Große Angst vor zweiter Welle

Die Angst vor der zweiten Welle sei enorm, sagt Herbert Pichler, Präsident des Behindertenrats und des Bundesverbands für Menschen mit Behinderungen (ÖZIV). Es gebe schon jetzt eine gespaltene Gesellschaft, und diese Spaltung drohe noch größer zu werden, wenn Risikogruppen geschützt werden müssen. Schutz dürfe auf keinen Fall Isolation bedeuten, sagt Pichler: „Schutz durch Wegsperren ist keine Lösung.
Alltagsleben in betreuten Wohnheimen ORF
Alltagsleben in betreuten Wohnheimen
Man müsse sich vor dem Herbst überlegen, wie man die Menschen tatsächlich schützen könne, so Pichler. Dazu müsse man auch aus der ersten Intensivphase lernen, sagt Brandstätter, etwa eine gesicherte bundesweit einheitliche Finanzierung der Werkstätten und Wohneinrichtungen, damit Organisationen und die dort arbeitenden und lebenden Menschen nicht Angst haben müssten, ihre Beschäftigung und/oder ihr Zuhause zu verlieren.
 

Mehr Mitsprache gefordert

In einem Pressegespräch anlässlich des „Tages der Inklusion“ beklagte Pichler wie weitere Vertreter der Lebenshilfe sowie der Behindertenanwalt, dass Menschen in der aktuellen Phase grundsätzlich zu wenig eingebunden und angehört wurden. Seit Beginn der Krise laufe er der Politik nach, mit mangelndem Erfolg. Die Einbindung in die Krisenstäbe wäre „nicht nur möglich, sondern notwendig“ gewesen, sagte Behindertenanwalt Hansjörg Hofer. Denn oft habe die Erfahrung bzw. die Expertise gefehlt. Es sei wichtig, mit den Menschen zu reden, nicht über sie.
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Das Gesundheitsministerium wies in einer Aussendung darauf hin, dass man die Behindertenverbände durchaus eingebunden habe, etwa in Vorbereitung der Lockerungsverordnung. Auf Basis des Inputs seien etwa Menschen vom Tragen von Masken ausgenommen worden, denen das aus „gesundheitlichen Gründen“ nicht zugemutet werden könne, dazu zählten auch Menschen mit Atemschwierigkeiten, mit einer fortgeschrittenen Demenz oder schweren intellektuellen Einschränkungen.
 

Mehr Schutz für Risikopatienten

Pichler fordert für die Öffnung der Schulen für Risikopatienten eine ausreichende Versorgung mit Schutzmaßnahmen wie Masken, Schutzmaterial und Desinfektionsmittel, sowie Tests auch für Menschen mit Behinderungen, die nicht in Einrichtungen wohnen – in manchen Bundesländern sind sie die Mehrheit. Weitere Forderungen der Organisationen umfassen einheitliche Regeln, wie Menschen mit Behinderungen im Fall einer Infektion im Krankenhaus betreut werden und wer sie dabei begleiten darf.
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Die Organisationen rechnen angesichts des angespannten Arbeitsmarkts zudem mit einer Verschärfung der Bedingungen für Menschen mit Behinderungen. Schon vor der Krise sei die Arbeitslosigkeit bei Menschen mit Behinderungen gestiegen, angesichts von Kurzarbeit und hoher Arbeitslosigkeit heiße es abwarten, wer überhaupt noch eine Anstellung bekomme, sagt Pichler. Behindertenanwalt Hofer forderte daher gezielte Anreize wie einen Inklusionsfonds.
 

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